Eine Moto Guzzi Airone, wie sie nach vielen Jahren »unter Wasser« aussieht. Eigentlich nicht schlecht ...

Die Frage ist: Kann man den Zustand bewahren? Wenn man den stark angegriffenen Lack einölt, sieht er super aus. Das kann man doch auch dauerhaft schaffen, oder?

Die vordere Schutzblechspitze ist die schlimmste Stelle.

»Patina-Restaurierung«

Dieses Projekt freut mich als Motorrad-Restaurator mit chronischem Zeitmangel besonders. Die Diskussionen um die vielgehasste und genauso geliebte Patina geistern ja schon seit geraumer Zeit durch die Medien und Fachblätter.

Meine Meinung dazu ist ganz eindeutig: Patina ist klasse, denn sie vermittelt viel mehr den faszinierenden Eindruck von Alter und Geschichte, als es pure Technik allein vermag. Ein perfekt restauriertes Fahrzeug ist natürlich auch eine feine Sache und wenn das Restaurierungsobjekt bereits zig Farbschichten trägt, dann müssen diese auch wieder runter. Doch wenn der Originalzustand die Jahre überstanden hat – auch mit dem ein oder Kratzer –, dann ist es eine Schande, diesen Zustand zu zerstören.

Das Projekt

Es ist eine 1952er Moto Guzzi Airone Sport. Sie hat die letzten 25 Jahre in einem römischen Keller (mit Tropfsteinhöhlendecke) verbracht und das sieht man ihr leider auch an. Dennoch ist es erstaunlich, wie ein solches Fahrzeug ein viertel Jahrhundert im Wasser stehen kann und kaum Schaden nimmt. Das Material war damals wohl wirklich besser ...
Die einzigen Mängel sind zwei abgeflexte Sattelhalter (da hat jemand die Sitzbank der späteren Version angebaut) und ein defekter Zündmagnet. Die Halter wieder anzuschweißen ist kein Problem – der Magnet ist auch schon besorgt. Es gibt keine Beulen und nur leichte Kratzer. Selbst der stoffummantelte Kabelbaum soll gerettet werden. Schade, dass die Gummis alle hinüber sind.

Das Problem einer Restaurierung der kleinen Guzzis ist in erster Linie die kaum vorhandene Ersatzteileversorgung. Während es für die große Schwester, die Falcone, noch jede Menge Teile gibt, so findet man für die Airone lediglich Dichtungssätze, Gummis, Sattel und den Auspufftopf. Das wars.
In meinem Falle habe ich mich in Italien umgesehen, wo ich besagten Zündmagneten fand, aber auch einen neuen Sattel. Die originalen Sattelhalterungen wurden inzwischen nachgebaut und angeschweißt. Nun folgt die Bestandsaufnahme der Innereien.
Der Motor wird in naher Zukunft erst einmal neu abgedichtet werden, auch sind die verbackenen und gebrochenen Kolbenringe zu ersetzen. Irgendwer hatte den Motor ohne Zylinderkopfdichtung montiert, was zu üblen Folgeerscheinungen am Kolben führte. Doch das lässt sich mit Standardteilen aus dem Regel des nächstbesten Motoreninstandsetzers sicherlich raparieren. Mehr dazu kommt an dieser Stelle.

Doch kommen wir zunächst zum Thema Patina:

Wie erhält man Rost ... ohne, dass es rostet?

Die Frage ist nun: Wie erhält man diese einzigartige Komposition aus Rost und originale Lackresten? Im Internet findet man dazu viel Anregung. Ich habe einige der Techniken ausprobiert (nicht an besagter Moto Guzzi).

Leinöl

Die häufigste Technik zum erhalten des originalen, rostigen Zustandes, ist die Konservierung mit Leinöl. Besonders die Fans von Baumaschinen oder Traktoren lieben diese Öko-Variante der Rostkonservierung.
Ich habe diese Technik ein Jahr lang am Berna 1U (auch auf diesen Seiten verreten) ausprobieren können.

Zunächst entfernt man natürlich den losen Rost. Das ist nicht ganz einfach, möchte man nicht die noch intakten Lackstellen beschädigen. Daher gerät diese Vorebereitung schnell zur Fleißaufgabe mit Hochdruckreiniger, Drahtbürste und Spachtel.
Dann wird großzügig eine Schicht Leinöl aufgetragen. Dazu hat sich besonders eine Sprühflasche aus der Gartenabteilung des Baumarktes bewährt. Man sollte auf jeden Fall eine Sprühflasche kaufen, die einen verstellbaren Strahl hat, denn Leinöl ist dickflüssig und würde einen normalen Zesrtäuber verstopfen.
Das Leinöl kann man wunderbar im Handel für landwirtschaftlichen Bedarf kaufen. So kostet der Liter nur wenige Euro.

Nach dem Auftrag muss das überschüssige Leinöl mit einem Lappen abgewischt werden. Dann lässt man es gründlich trocknen. Das dauert allerdings mehrere Tage - selbst im Hochsommer. Dies sollte dringendst in einem geschlossenen Raum passieren, denn Fliegen, Laub und Staub lieben die klebrige Oberfläche. Auch war Nachbars Hund ganz angetan von dem Öl und leckte ständig das Auto blank.
Das Ergebnis lässt sich sehen: Die feste Oberfläche ist seidenmatt und frischt auf sehr angenehme Weise auch den alten Lack gleich mit auf. Doch entgegen vieler Behauptungen, ist die getrocknete Leinölschicht nicht im geringsten wasserfest ...

Fazit: Wer sein Fahrzeug nur an Sonnentagen bewegt und ganz selten bei Regen, der kann mit Leinöl zu optimalen Ergebnissen kommen. Die Roststellen an meinem Auto (die regengeschützt waren) sind auch nach einem Jahr kein Stück weitergerostet und bilden eine stabile, rostbraune Fläche. Dann und wann sollte man die Leinölschicht aber wieder auffrischen, doch grundsätzlich ist dies eine umweltverträgliche und billige Lösung (die sich auch ganz einfach mit einem Dampfstrahler wieder entfernen lässt, möchte man sein fahrzeug doch einmal neu lackieren).
Wer sein Fahrzeug aber täglich nutzen möchte und keine Garage hat ... für den ist Leinöl absolut der falsche Weg. Nach zwei Regenfahrten konnte man bereits sehen, wie das Zeug abgewaschen wurde. Ein Neuauftrag der abgewaschenen Stellen legt das Fahrzeug runde vier Tage still, damit es trocknet. Und das geht natürlich nur drinnen, oder bei Windstille und ohne Regen. Das wäre also nix für Leute, die fahren möchten.

Fertan

Das Wundermittel Fertan wird ebenfalls gerne als Patina-Erhaltungs-Tinktur angepriesen. Aber hier sei gesagt - wie auch bereits auf vielen anderen Internetseiten aufgeführt -, dass Fertan ein Rostumwandler ist. Die behandelte Fläche wird tiefschwarz und hat somit nichts mehr mit dem gewollten Used-Effekt zu tun. Auch wenn Fertan tatsächlich funktioniert - für unsere Zwecke ist es nicht verwendbar.

Klarlack

Rost einfach mit Klarlack abzudecken ist ein relativ sinnloses Unterfangen. Denn auch wenn das Ergebnis auf den ersten Blick genau so aussieht, wie man es sich wünscht, so rostet der Rost unter dem Lack einfach weiter und platzt in kürzester Zeit wieder auf. Das Problem ist, dass man diese Schäden nicht sieht, denn wo bei einer normalen Lacksicht jede Rostblüte sofort auffällt, bemerkt man beim Klarlack erst mit der Lupe, dass die Lackschicht defekt ist. Dadurch geraten Luft und Wasser an die Rostschicht und es rostet mit Inbrunst weiter. Man müsste den Rost also vorher blockieren und erst dann mit dem Klarlack konservieren.
Die üblichen Rostumwandler wie Fertan haben - wie bereits erwähnt - den Nachteil, den Rost zu schwärzen, was nicht gut aussieht. Eine Konservierung mit Öl oder Fett ist natürlich sinnlos, da der Lack nicht mehr halten würde.
Bleibt atürlich noch zu erwähnen, das Klarlack zwar eine simple und zugleich effektive Methode ist, um Luft und Wasser vom Rost und vom alten Lack fernzuhalten, aber im Sinne einer echten Konservierung ist es der falsche Lösungsansatz. Das fahrzeug wird nicht in seinem originalen Zustand erhalten, es erhält vielmehr so etwas wie eine Effektlackierung mit Patina-Optik. Daher sollten wir an dieser Stelle nicht darüber nachdenken, gleich das ganze Fahrzeug mit Klarlack überzusuppen, sondern allein die zu erhaltenden Roststellen.

Angeblich gibt es überlackierbare Konservierungsöle ...

Konservierungsöl

Hier wird noch kräftig experimentiert. Mehr demnächst an dieser Stelle (Stand: Dezember 2008)

Fragen, Anregungen?

Stichwort »Patina« an: meister@schrauberseite.de