Der Berna von vorne ...

... und von der Beifahrerseite (Linkslenker).

Der »Berna«

Es war immer schon mein Traum, einen »lustigen« Wagen mit richtiger Schnauze zu fahren. Und während der rund zehn Jahre mit einem Robur (siehe auch unter Robur) hatte ich dann und wann auch den Luxus-Gedanken gefasst, endlich mal ein Auto besitzen zu müssen, dass nicht sooo laut ist ... In diesen Momenten träumt man dann halt von einem Modell, bei dem man nicht seitlich vom Motor angebrüllt wird. Also eben doch eines mit Schnauze. Wenn der Motor vorne sitzt, kann es nur besser werden ...

Doch ich kann nur sagen: Ich habe mich getäuscht! Und: Ein Robur ist ein leises und kultiviertes Alltagsauto!

Jetzt sitze ich also stolz auf einer echten Lader-Sitzbak – so eine, wie sie auch auf dem Heuwagen unserer Großväter montiert war –, freue mich über ein satte Hebelei für allerhand sinnvolle Einsatzzwecke im Blickfeld, über ein riesiges Lenkrad aus Bakelit (wehe, wenn es feucht wird) und schweizer Präzisons-Instrumente. Und, ich und lasse mich weiterhin gewaltig anbrüllen. Diesmal von vorne. Dieser Berna ist laut, sehr laut. Und langsam, sehr langsam. 65 km/h in der Ebene ... da wird die Autobahn zur Geisterbahn!

Das Modell, welches ich nun vor runn einem Jahr erworben habe, nennt sich klangvoll 1U P138 und stammt somit aus der 1U-Baureihe, die zwischen 1936 und ca. 1950 in Olfen in der Schweiz entstand. Der 1U war eines der meistgebauten Berna-Chassis und baugleich mit der Saurer 1C-Reihe. Der 1U ist der kleinste der insgesamt vier Modelle (1U, 2U, 3U und 4U) und hat somit auch den »kleinen« CR1D-Motor mit niedlichen 5,3 Litern Hubraum und 68 PS. Mein Berna ist Baujahr 1945.

Der Aufbau meines Fahrzeug, der »P138«, nennst sich laut Papieren »Sonstiges Kfz. Bautruppwagen« und diente scheinbar als mobile Telefonzentrale und Telefonnetz-Wartungsfahrzeug. Der Aufbau stammt vom Albiswerk Zürich AG. Die Innenausstattung fehlt leider komplett, allein der 60 Volt-Generator ist geblieben und natürlich die charmante Holzvertäfelung und einige Schubladen im originalen Werkzeugschrank.

 

 

Technische Daten

Fahrwerk

Bauart: Leiterrahmen
Aufbau: geschlossener Aufbau mit Holzrahmen, aluminiumverkleidet. Fahrerhaus in Stahlblech.
Federung: vorne und hinten Starrachsen mit Längsblattfedern
Bremsanlage: Zweikreis-Hydraulikbremse mit Luftdruckunterstützung
Räder: Trilexfelgen mit 6.50-20 Diagonalreifen, hinten Zwillingsreifen
Elektrische Anlage: 24 Volt, 800 Watt, 2x 165 Ah Batterien
Getriebe: 5 Gang Wechselgetriebe, 3. und 4. Gang synchronisiert
Leergewicht: 5300 kg
Zul. Gesamtgewicht: 6500 kg
Länge über alles: 7,4 m

 

Motor

Typ: CR1D, Viertakt Diesel mit Direkteinspritzung und Wasserkühlung
Bohrung x Hub: 110 x 140 mm
Hubraum: 5300 ccm
Leistung: 68 PS bei 1800 U/min
Leerlaufdrehzahl: frei regelbar
Abriegeldrehzahl: 1800 U/min
Einspritzpumpe: Reiheneinspritzpumpe »Saurer«, Lizenz Bosch
Verbrauch: 18 l/100km

 

Schraubererfahrungen

Seltsam, seltsam. Seit einem Jahr und immerhin 3000 km (ich halte das schon für viel bei einem so langsamen Fahrzeug) ist noch nicht viel geschehen. Lediglich die Auswirkungen der 62 Jahre machen sich langsam bemerkbar, so leiden alle Gummiteile an Altersschwäche und neulich riss dann doch die Membrane des Bremskraftverstärkers.

Die Reparaturen an einem Berna sind denkbar einfach, denn alle Teile sind Lastwagen-üblich groß und leicht zugänglich. Ein Problem ist allerdings die Ersatzteileversorgung, die mich anfangs zur Verzweiflung brachte. Wir Deutschen haben ein gewisses Bild vom Schweizer (so wie der Schweizer ein gewisses Bild von uns haben wird) und dieses ist eng mit dem Begriffen »Präzision« und »Zuverlässigkeit« verbunden. So dachte ich, dass es kein Problem sei, schnell und geschwind Teile für einen Berna, respektive für einen Saurer zu bekommen, zumal es sogar eine Firma namens »Lastwagen Stutz GmbH« gibt, die sich exklusiv um die Teileversorgung unserer alten Laster kümmert. Immerhin gibt es noch einige dieser alten, als unkaputtbar geltenden Boliden.
Mir war klar, dass diese Teile nicht so billig sein würden wie bei Robur und Co. Doch wusste ich nicht, dass der arme Inhaber dieser Firma scheinbar im Alleingang die weiltweite Teileversorgung aufrecht erhält und ganz verständlicherweise ziemlich überarbeitet ist. Somit brauchte ich gute drei Monate, 10 telefonate und 5 Faxe um zu verstehen, dass ich meine neue Bremsen-Membrane – obwohl erhältlich – nie von diesem Mann bekommen würde. Das war erst einmal eine Ernüchterung, auf die ich nicht gefasst war – nicht bei einer schweizer Firma. Eher, wenn es sich um ein Fahrzeug aus Turkmenistan gehandelt hätte. Wahrscheinlich wäre es sogar einfacher, Teile in Turkmenistan zu bestellen.

Das Ergebnis dieser Erkenntnis war eine Umrüstung des Bremstkraftverstärkers auf eine Standard-Membrane wie man sie in jedem Kfz-Zubehör der »besseren Art« für ein paar Euro bestellen kann.
Ich habe das Glück, sowohl einen »kleinen Bremskraftverstärker« mit einem Membrane-Durchmesser von 230 mm zu haben, als auch einen Bruder, der jede Menge Frästechnik im Keller hat.

Wie diese Umrüstung funktioniert: Das kommt später und mit Bildern.