Der kleine Fiat. Niedlich. Doch manchmal möchte man einfach nur mit dem Hammer draufhauen. Doch er ist ja so schön ...

So sah er aus, als er zu uns kam. Eigentlich war es nur ein bischen Dreck, den man wegwischen musste. Von wegen!

Von hinten kann man ihn am einfachsten von seinem kleinen und viel erfolgreicheren Bruder 500 unterscheiden: Die großflächigen Kühlrippen sind das markanteste Detail am Italien-Käfer.

Gerade mal 19 PS reichen, um die Fuhre noch heute im Verkehr mitfliegen lassen zu können. Wären da nicht die ewigen Probleme mit der Kühlung, wäre dieser kleine Flitzer das ideale Großstadt-Auto.

Das riesige Lenkrad lässt echtes LKW-Feeling mit Servolenkungs-Charakter aufkommen.

La Seicento oder was einem so passiert, wenn man sich in Italien einen Fiat 600 zulegt

Ich weiß: ein Oldtimer ist kein Gebrauchsfahrzeug in das man sich einfach hineinsetzt und losbraust wann immer es einem in den Sinn kommt. Doch ich gehöre zu den Menschen, die das anders sehen: Mein erstes motorisiertes Fahrzeug war eine BMW R26, dann folgten Ente, Ural, Barkas und Robur, allesamt treue Begleiter im täglichen Verkehr, die ich zum größten Teil noch heute bewege. Ich glaubte also zu wissen, was es heißt, altes Eisen zu fahren.
Wie das Leben so spielt, verschlug es mich (oder besser: sie verschlug mich) nach Italien, genauer gesagt nach Rom. Eigentlich wollten wir, Chiara und ich, dort kein Auto haben (Motorino und Motorrad sind in Rom einfach praktischer), aber ein kleiner mintgrüner Fiat, einst das Auto, das zusammen mit seiner kleinen Schwester, dem Fiat 500, ganz Italien mobilisierte, gehörte einem Freund der Familie und stand seit geraumer Zeit vor einer Werkstatt herum. Er musste einfach weg, keiner wollte ihn haben, und da konnten wir nicht nein sagen.


Das Problem war nur, dass sie keinen Führerschein besaß und somit auch überhaupt keine Ahnung von Autos, deren Zulassung, Wartung und Reparatur. Kein Problem? Ich bin kein Italiener!

 

Wie zum Teufel lässt man in Italien ein Auto zu?

Trotz der langen Standzeit sprang der Motor sofort an. Überhaupt machte das ganze Fahrzeug einen sehr guten und größtenteils noch originalen Zustand. Der Unterboden hatte vier große, lange Löcher, wo einst wohl mal die Sitzschienen samt Bodenblech weggerostet waren. Aber das hatte man mit einem Stück Blech und Spaxschrauben schön sichtbar geflickt. Der freundliche Herr aus der besagten Werkstatt versicherte mir aber, dass auch mit dem »TÜV« alles in bester Ordnung sei (nun ich fragte nach einem »controllo tecnico«, einer »technischen Kontrolle«, die auch stattgefunden hatte, denn der Meister hatte sich vorher schon versichert, dass das Auto rollen konnte) und drückte mir ein altes Laubsägeblatt in die Hand, das als Ersatz für den verlorenen Zündschlüssel diente. Ich wollte den Fiat auf eigenen Rädern nach Hause bringen, denn wir wohnen in Monteverde und der Wagen stand in Trastevere, das sind vielleicht drei oder vier Kilometer, die man auch mal ohne Versicherung fahren kann (in Italien bleiben die Kennzeichen immer am Fahrzeug). Das erste Mal ohne Straßenkarte oder wenigstens einem helfenden Beifahrer im römischen Verkehr geriet zur Odyssee; runde drei Stunden hilflos und ohne Blinker oder Bremslichter (aber mit Hupe) mitten durch den Berufsverkehr und nirgendwo konnte man links abbiegen. Nach einer Viertelstunde kochte schließlich der Kühler über und ich musste mich den Rest des Weges von Bar zu Bar hangeln, um kleine Pause einzulegen und um Frischwasser für den Kühler zu betteln.
Irgendwann kam ich doch noch an und stellte den dampfenden Fiat grummelnd in den Garten. Am nächsten Tag wollten wir ihn dann zulassen, damit ich in aller Ruhe Probefahrten machen und das ein oder andere technische Problem beheben konnte. Nun, in Italien gibt es einen Brief, der fest auf den Besitzer eingetragen ist und nicht auf das Fahrzeug wie bei uns. Um diesen Brief zu ändern, muss man einen »Cambio di proprietà« beantragen. Dazu bezahlt man viel viel Geld und wartet auf einen Notar, der zusammen mit dem alten und dem neuen Besitzer – in diesem Falle Chiara, der das Auto gehören sollte – einen neuen Brief ausstellen kann. Dazu sind also drei Personen, bzw. drei Unterschriften notwendig. Kein Problem? In Italien kann so etwas schnell ein halbes Jahr dauern. Das hat es dann auch. Ohne diesen Brief kann man den Wagen natürlich nicht versichern und ich wollte keinen weiteren Meter mehr fahren, ohne wenigstens die Papiere geordnet zu haben – ich bin nun eben doch ein Deutscher.
Eine Haftpflichtversicherung ist in Italien übrigens sehr teuer und hätte in unserem Falle runde 800,- EUR pro Jahr gekostet. Doch es gibt Gott sei Dank auch den ASI (Automotoclub Storico Romano), der seinen Mitgliedern besondere Konditionen bei den Versicherern einräumt. Unser kleiner Fiat kostet dann nur noch runde 130,- EUR im Jahr.
Während wir auf die neuen Papiere warteten, konnte ich den Motor wenigstens ab und zu einmal probelaufen lassen, die Öle wechseln und die Beleuchtung wieder in Gang setzen. Ich investierte also nicht wirklich viel Arbeit in unsere »la seicento« und auch für das kochende Kühlwasser während der Überführung fand ich schnell einen Grund: Der Kühlerdeckel war vollständig weggerostet, das Wassert lief einfach ins Freie, sobald sich ein wenig Druck aufbaute – glaubte ich.
Im Frühjahr 2004 hatten der Herr Notar und der alte Besitzer endlich einen Termin gefunden und wir konnten mit den nagelneuen Papieren zum Automobilclub in Rom stolzieren, um eine Mitgliedschaft zu beantragen. Das Prozedere ist dabei eigentlich recht einfach: Man reicht ein paar Fotos von seinem Auto ein, das sich in einem »guten und originalen Zustand« befinden muss. Man könnte also sagen, dass die Voraussetzung für eine Aufnahme im ASI der Oldtimerzulassung in Deutschland gleichkäme. Doch ich hätte den Wagen vor dem Fotografieren waschen sollen und außerdem fehlte das Fiat-Logo auf dem Frontblech. Und da war noch eine Beule in der Stoßstange erkennbar ... Gut, dass ich nicht die linke Seite fotografiert hatte, wo eine Radkappe fehlte! Nun, immerhin bekamen wir eine provisorische Mitgliedschaft und mussten das Versprechen abgeben, mit einem gewaschenen und vollständigen Wagen wieder vorzusprechen. Auch Italiener können pedantisch sein!

 

Die Ersatzteile besorgen

Nur ein halbes Jahr später saßen wir also stolz in unserem neuen und wirklich wunderschönen Auto und drehten die erste Runde mit Zulassung, Versicherung, Blinkern, Papieren und einem breitem Grinsen im Gesicht. Dass die Selbstmördertüren bei jeder Bodenwelle aufsprangen, störte uns recht wenig. Unterwegs erfuhren wir von einem dem Freudentränen nahen Fiat 600 Fan, dass der 600er in Italien heute extrem selten sei und dass es so gut wie keine Ersatzteile mehr gäbe. Aber er kannte ein Geschäft in der Nähe der Stazione Termini, das sich auf klassische Fahrzeuge spezialisiert hatte. Diese Information war für mich Gold Wert war, denn im italiensichen Internet hatte ich bereits vergeblich nach Adressen für Oldtimerteile gefahndet. Selbst bei Fiat versicherte man uns, dass es nur noch Teile für den kleinen Fiat 500 gäbe. Ich hatte den Kühlerdeckel, ein neues Zündschloss und andere Kleinteile wie einen neuen Deckel für den Bremsflüsigeitsbehälter in Deutschland bestellt, man hatte uns aber ausschließlich Fiat 500-Teile geschickt – für EUR 50,- Versandkosten!
Mit der Zulassung wurden wir nun übermütig. Wenn man in Rom schon kein Auto braucht, dann schafft man sich eine andere Rechtfertigung: Wir entschlossen uns, im inzwischen nahen August nach Sizilien zu fahren. Da ich mit meinen Urals, Barkassen und Roburs schon halb Europ bereist hatte, schreckte mich der Gedanke an eine lange Fahrt mit einem eigentlich noch immer unbearbeiteten Gefährt keine Sekunde. Ein Fiat kann ja nicht schlimmer sein, als ein ostdeutsches Fabrikat!
Am nächsten Tag fuhren wir ins Stadtzentrum, um eben diesen Oldtimer-Laden zu suchen. Nach einer Viertelstunde kochte das Wasser im Kühler und erneut hangelten wir uns von Frischwasserquelle zu Frischwasserquelle, um den 600 wenigstens wieder nach Hause zu bringen. Wir standen also vor zwei neuen Problemen: Die Fähre nach Sizilien war am Vortag bereits gebucht worden und ich musste am kommenden Tag wieder nach Deutschland fliegen und sollte nicht vor dem Tag unserer Abfahrt zurückkommen ...
Signor Cesare war unsere Rettung, denn er betrieb eine kleine Schrauberwerkstatt um die Ecke und prognostizierte schnell und sicher durch Handauflegen eine defekte Wasserpumpe, die – baugleich mit der des 500er – schnell zu besorgen sein. Er wolle dann auch gleich das Fiat-Logo und eine Radkappe organisieren, die Motorhaubenverriegelung reparieren und ein neues Zündschloss einbauen. Bevor ich in den Flieger stieg, hatte er schließlich noch ein defektes Kabel gefunden ...

 

Auf große Fahrt

An dem Tag, an dem ich wieder in Rom ankam und Chiara bereits die Koffer gepackt hatte, war der Fiat halbfertig. Immerhin drehte sich neben dem kleinen Motörchen eine neue Wasserpumpe. Doch die zusammengezwirbelten Lautsprecherkabel, die als Ersatz für das marode Kabel von der Batterie zum neuen Zündschloss mäanderten, waren wenig vertrauenerweckend. Von Logo, Radkappe und Motorhaubenverschluss war weit und breit keine Spur. Aber uns war das reichlich egal, denn wir hatten noch runde sechs Stunden bis Napoli, um die Fähre nach Palermo zu erreichen.
Doch der Motor startete überraschenderweise schlecht und hatte kaum noch Leistung. Der Verteiler verteilte die Zündfunken an alle erdenklichen Stellen im Motorraum, außer an die Zündkerzen. Wir mussten unsere Reise um einen Tag verschieben, die Tickets für die Fähre waren verloren. Natürlich gab es keine neue Verteilerkappe im Handel, Fiat hatte nicht einmal passende Zündkabel. Ich bastelte notgedrungen bis zum späten Nachmittag ein Provisorium aus Fremdteilen zusammen, das noch heute problemlos funktioniert. Anschließend machten wir eine erste, ausgiebige Probefahrt quer durch Rom, die zu aller Zufriedenheit ohne kochendes Kühlwasser verlief. Wir kauften uns frischen Mutes neue Tickets und traten die große Reise mit nur einem Tag Verspätung an. Doch etwa 30 Kilometer hinter Rom kochte der Kühler ...
Mit dem Mut der Verzweifelten entschlossen wir uns, trotz allem nicht umzukehren, sondern mit gedrosseltem Tempo die nächste Kühlerwerkstatt aufzusuchen. Dank eines alten Aufklebers im Motorraum wusste ich, dass der einzige Mensch, der uns noch helfen könnte, »radiatorista« heißen würde.
Italien ist das Paradies der kleinen Hinterhofwerkstätten. Es ist fast unmöglich, in einer italienischen Stadt eine Straße ohne Werkstatt zu finden. Und tatsächlich, nach etlichen Stunden (sieben Kilometer fahren, 30 Minuten Pause, zwei Liter Wasser nachfüllen) hielten wir nicht nur vor dem einladenden Schild eines Radiatorista, sondern auch gleich vor einem ehemaligen Fiat 600-Fahrer, der uns erklärte, dass der Kühler des Fiat 600 eine Fehlkonstruktion sei und alle paar Jahre zerlegt und gereinigt werden müsse. Die Wasserpumpe spült Rückstände aus dem Zylinder mit gehörigem Schwung auf die Oberseite der kleinen Kapilaren im Inneren des Kühlers, dort lagern sich die größeren Stücke im Laufe der Zeit ab und verstopfen schließlich den gesamten Wasserkreislauf. In unserem Falle floss gerade noch genügend Wasser, um den Motor zumindest im gemächlichen Stadtverkehr noch ausreichend kühlen zu können. Sobald wir die Stadt verlassen hatten und die Tachonadel konstant gefährliche 70 km/h anzeigte, reichte die Kühlwirkung nicht mehr aus. Der Austausch der Wasserpumpe alleine hatte also nicht reichen sollen. Nach einem erholsamen Tag in Terracina hatten wir zwar erneut unsere teuren Fährentickets verloren, aber immerhin einen neuen Freund gefunden, der den Kühler für 50,- Euro zerlegte, reinigte, wieder zusammenlötete und neu lackierte. Da fahren wir jetzt immer hin!
In Neapel verabschiedete sich dann der Lichtmaschinenregler mit einem lauten Plumpsen aus seiner Halterung und wollte danach nie wieder richtig regeln. Aber ohne Scheinwerfer und anderen elektrischen Verbrauchern (der Scheibenwischermotor hatte sich unterwegs klammheimlich entschlossen, zu sterben) konnte man noch bequem reisen, ohne die Batterie zu belasten.
Eine schöne Erfahrung auf Reisen durch Italien ist stets der Stadtverkehr. In Deutschland gibt es sprachliche Dialekte; in Hamburg spricht man anders als in Bayern. In Italien gibt es auch Dialekte im Stadtverkehr. In Rom herrscht das geordnete Chaos: Wer sich an einer Ampel einordnet, ist alles andere als cool, auch sind nicht alle Ampeln zum Halten da und ein Blinker ... was ist das? Aber der römische Verkehr fließt, chaotisch, aber ruhig und immer berechenbar. Man muss einfach mitmachen und es macht Spaß. In Neapel hingegen herrscht die Hölle der Evolution: nur der Stärkste überlebt! Der Verkehr ist dort schnell und brutal. Kein gutes Pflaster für einen Fiat 600 mit seinen 21 PS. Palermo schließlich ist Anarchie, pure Anarchie! Rote Ampeln und Rechts-vor-Links-Regeln sind Instrumente des feindlichen Staates und gehören mit allen Mitteln gemieden. Hier fährt jeder frei, aus jeder Richtung, zu jeder Zeit. Wenn man sich im Wege steht, dann beginnt eine geschickte, tänzelnde Choreographie mit viel Gehupe und Gestikulieren.

Palermo war für uns das Ende des Stresses auf dem Hinweg – und wurde nach einer entspannten Woche am Meer auch der Anfang des Stresses auf dem Rückweg, als uns vier Kilometer vor dem Fährhafen der Kupplungszug riss – mitten im besagten Verkehrschaos.
Die freundliche Stimme der ADAC-Helferin versicherte uns, dass man alles tun würde, um den gestrandeten Fiat von Palermo nach Rom zu schaffen. Der Mann mit den häßlichen Zähnen hingegen, der irgendwann einmal kam, lachte kurz, hielt uns einen vollkommen unnötigen Vortrag über alte Autos und weite Reisen und erklärte schließlich, dass er den Wagen in den Hafen bringen würde, um uns dort dem Schicksal zu überlassen. »Nach Rom? Ha! Nach Rom! Haha!«. Mehr war nicht drin. Doch auch Gott fuhr früher einen Fiat 600 und strafte den unfreundlichen Herrn mit einem plötzlichen Motorschaden seines gelben und nagelneuen Abschleppwagens. Wir luden den kleinen Fiat also grinsend wieder ab und machten uns zu Fuß auf eine beschwerliche Suche nach einer offenen Fiat-Werkstatt oder zumindest einem Stahlseil zur provisorischen Reparatur. Doch es war später Nachmittag und Sonntag und uns blieb nichts anderes übrig, als ohne Kupplung weiter zu fahren, um wenigstens die Fähre noch zu erreichen. Der Herr vom italienischen ADAC hatte inzwischen Besuch von seinen Kollegen, die gemeinsam versuchten, den Abschleppwagen zu starten. Soviel zu neuen Autos und Reisen.
Als wir nach einer ruhigen Überfahrt in Civitavecchia, dem Hafen Roms, von Bord rollten, hatten wir uns entschieden, den kleinen grünen Freund nun doch nicht mehr zu verkaufen, denn immerhin brachte er uns ja wieder nach Hause – auf dem Rücken eines erneut gerufenen Abschleppwagens.

 

Der Fiat und der TÜV

In Italien gibt es einen kleinen Aufkleber namens »bollino blu«, den man einmal im Jahr erneuern muss. Wenn man sich den Zustand vieler Straßenkreuzer anschaut, dann hat man vor dem Gang zur nächsten Werkstatt, die einem dieses Prüfsiegel austeilen soll, auch keine Angst. Man schaut hier nur kurz nach, ob das Auto auch Bremsen und Scheinwerfer besitzt, das war's. Allerdings muss man auch alle zwei Jahre die große »revisione« machen, eben die Prüfung, die ich mit meiner Frage nach dem controllo tecnico bereits bestanden glaubte. Als ich in einer neu entdeckten Werkstatt um die Ecke (um die andere Ecke) nach einem bollino blu fragte, versicherte mir der Herr Mechaniker (übrigens auch ehemaliger Fiat 600 Fahrer) nach einem Blick in die Papiere, dass unser Auto noch nie eine solche revisione gesehen hätte ... Der italienische TÜV war aber sehr freundlich; neben dem begehrten Aufkleber in den Papieren und dem bollino blu für die Windschutzscheibe gab er uns die Information mit auf den Weg, dass die Hinterradbremsen nicht ausreichend funktionieren würden und auch die Handbremse beizeiten mal eingestellt werden müsse. Aber bei einem so schönen Auto, könne man auch mal ein Auge zudrücken.